1999 Neustadt/Dosse

"Eiserne Pferde auf dem Weg zum Gestüt"


Anfang Oktober, die Schönwetterfahrer-Motorradsaison ist fast zu Ende, aber die Motorradsportgruppe des Bundestages hat es doch gewagt und zur Herbstausfahrt eingeladen.

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Begrüßung vor dem Hotel Hilton Berlin

Gleich vorweg, das Wetter hat uns nicht im Stich gelassen, im Gegenteil bei strahlendem Sonnenschein ging es durch das Berliner Umland. Startpunkt ist das Hotel Hilton am Gendarmenmarkt in Berlin, bereits früh um acht wimmelt es von Motorrädern und warm eingepackten Bikern. Aber bevor es auf die Piste geht, müssen erst noch die obligatorischen „warmen“ Worte gesagt werden. FDP-Vorzeigepolitiker Dr. Hermann Otto Solms, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, bringt es auf den Punkt: Bei der heutigen Ausfahrt wolle man Spaß haben und gemeinsam das Hobby Motorradfahren genießen.
Der Redner Dr. Peter Struck, Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, kontert aber. Das Versprechen seines Vorredners sollte man keinesfalls als Koalitionsangebot verstehen, es beziehe sich lediglich auf die Motorradtour. 
Die erschienenen Motorradfahrer sowie zahlreiche Schaulustige applaudieren, der Gag ist Struck voll gelungen. Auch Gila Altmann (Die Grünen) verspricht nach ihrem Grußwort, dass sie als streitlustige parlamentarische Staatssekretärin im Umweltministerium keineswegs vorhabe, das Motorrad als stinkendes und lärmendes Übel zu verteufeln.

Bei einer rund 250 km langen Entdeckungsfahrt auf dem Motorrad wollen die Teilnehmer Berlin, das Umland und ihre Menschen etwas näher kennen lernen. Ein beachtenswertes Vorhaben, scheint in diesen Kreisen das Wort „Bürgernähe“ doch vielfach nur als Schlagwort von Bedeutung zu sein. Gleichzeitig drängt sich allerdings die Frage auf, wozu das Spektakel eigentlich? Können und dürfen Politiker überhaupt „normale“ Motorradfahrer sein?

Auf der Fahrt nach Berlin hatte ich ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. Ich erwartete durchgestylte Sonntagsfahrer, die auf einem BMW Motorrad posieren, einmal im Kreis fahren, kurz ein Interview geben und sich anschließend schnell aus dem Staub machen.
Alles falsch! Die, die da sind, haben sich auf die Ausfahrt eingestellt, sind mit Freude und Spaß bei der Sache. Alle tragen Motorradbekleidung, viele haben vorsorglich eine Regenkombi dabei.
Dann geht es los, die bereits vorher festgelegten Gruppen formieren sich und werden mit kurzem Zeitabstand auf die Reise geschickt.
Im Motorradcorso geht es durch Berlin. Am nächsten Tag wird in der Zeitung stehen, dass eine laute aber gewaltfreie "Demonstration" stattfand. Dank der Mitarbeit der Berliner Polizei sind alle Ampeln auf Grün gestellt, wir gelten, zumindest nach der Strassenverkehrsordnung, als ein Fahrzeug! Einzig die S-Bahn nimmt darauf keine Rücksicht und gewährt uns eine kurze Verschnaufpause.Flugs haben wir die Stadt verlassen und es geht durch die Brandenburger Alleen zunächst Richtung Süden und dann weiter nach Potsdam.

In der Landeshauptstadt werden wir bereits erwartet, Cheerleaders stehen Spalier, Matthias Platzek, der Oberbürgermeister, hält eine Begrüßungsrede. In Potsdam findet die Mittagspause statt, Grillsteaks und Kaffee verleihen neue Kräfte.
Auch in den weiteren Pausen das immer gleiche Bild. Es ist Samstag, die Einheimischen haben Zeit, viele sind zum Einkaufen unterwegs.
Sie bleiben stehen, betrachten die Maschinen, 180 Motorräder auf einmal, wann gibt es das schon.
Dass es sich bei den Bikern hauptsächlich um Promis handelt, scheint kaum zu interessieren, man ist es schließlich gewohnt, den Motorradfahrer mit „Du“ anzureden und warum sollte man sich ausgerechnet jetzt anders verhalten? Und schon wieder eine interessante Erfahrung, nicht nur für mich.

 
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Dr. Peter Struck
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Dr. Herman Otto Solms
 
 

In meiner Gruppe fährt ein Teilnehmer eine gut 15 Jahre alte Moto Guzzi, ich begrüße ihn mit „o Moto Guzzi, bella Italia“. Sofort sind wir auf einer „Wellenlinie“, „reden Benzin“ und sind uns schnell einig, dass die Italiener charaktervolle Motorräder bauen. Erst am Nachmittag erfahre ich, dass der Guzzi-Fan Ministerialdirektor Prof. Dr. Wolfgang Zeh, einer der dienstranghöchsten Beamten des Deutschen Bundestages, ist.

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Prof. Dr. Wolfgang Zeh

Eine interessante Erfahrung, dabei soll es aber nicht bleiben. Als nächsten lerne ich Carsten Schneider, mit 23 Jahren jüngster Bundestagsabgeordneter, kennen. Er fährt ein 125er Yamaha Leichtkraftrad, der Führerschein Klasse I steht als nächstes auf dem Programm, verrät der sympathische SPD-Parlamentarier aus Erfurt.
Auch bei den anderen Gesprächen geht es immer wieder ums gemeinsame Hobby. Um die Handlichkeit schwerer Maschinen, um Sitzbankhöhe, um Leistung und Geschwindigkeit, aber auch um die Akzeptanz in der Bevölkerung. Bei unserer gemütlichen Rundfahrt im Konvoi erleben wir nur freundliche Leute. Fast jeder von uns winkt den Menschen am Straßenrand zu, sie winken begeistert zurück, es ist ein tolles Gefühl.

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Berliner Rennboot-Weltmeister Manne Loth,
Schauspieler Rainer Hunold, 
Gespann-Champion Ralph Bohnhorst

 

Weiter geht es durch den Park von Sanssouci in Richtung Neustadt/Dosse. Die Strassen werden schmaler, der Gegenverkehr lässt nach. Die herrliche Landschaft fasziniert, so nahe vor den Toren der Hauptstadt, die jetzt neue Heimat für die meisten von uns ist, das hätten wir uns so nicht vorgestellt! 
Dann befinden wir uns auf einem schmalen Plattenweg, links Felder, rechts eine Pferdekoppel. Die Pferde scheinen über die vielen Pferdestärken zu staunen. Ich fühle mich wie „easy rider“ im „Wilden Osten“.
In Neustadt erreichen wir das Landesgestüt für Pferdezucht, wir werden bereits vor dem Gutshaus erwartet. Die Motorräder werden aufgebockt und dann wird für uns das große Halali geblasen.
Im Nebengebäude ist schon angerichtet, ein Buffet wartet auf uns. Es wird aufgespielt zu einem gemütlichen Abend. Die Stimmung ist großartig, ein Dank an die Organisatoren, der sich sicher alle Teilnehmer anschließen werden, die Rundfahrt war ein voller Erfolg!
Ich fahre irgendwann spät in der Nacht nach Hause, da am nächsten Tag andere Termine warten. Auf der monotonen Autobahn lasse ich noch mal die Tagesstrecke Revue passieren - und weiß bereits jetzt, ich werde noch des öfteren auf Nebenwegen durch Brandenburg biken!