13. Freundschaftsfahrt

„Grüezi Schwyz – Bonjour la France“

 

Als ich meiner englischen Landlady* die Tour antrug, konnte ich sie nur schwer davon abhalten, direkt aus der Garage zu fahren. Endlich ging es los, in den europäischen Motorradhimmel jenseits der österreichischen Alpen: Schweiz und Frankreich – Chamonix, Alpe d'Huez, Genf – Berge, Täler, Pässe, Kurven, rauf, runter, rechts, links... JAAAA, das is' was für Mutterns Tochter!

Wen wundert's, dass auch dieses Jahr dem Aufruf zur 13. internationalen Freundschaftsfahrt wieder die üblichen Verdächtigen folgten und hungrig nach Detailinformationen an den Lippen der Tourguides hingen? Diese trugen die Namen der Pässe mit leuchtenden Augen vor – mit erwartbaren Erfolg: am verzückten Grinsen einiger konnte man die Begeisterung schon auf deutliche Entfernung wahrnehmen. 

Also hopp, ab auf den Zug nach Lörrach, schwups in die Schweizer Alpen und schon wird in Richtung Mont Blanc gekurvt. Darf es noch dieser Umweg sein ? – Unbedingt. Soll ich diesen Schlenker noch fahren? JA, bitte...

Der erste Stopp bei Blaser Swisslube – war nicht nur technisch höchst interessant (wann hat man schon die Möglichkeit Europas größten Kaltschmiermittel Hersteller zu besichtigen?). Nein, auch die Verbundenheit im Geiste der Ungewöhnlichkeit war deutlich zu spüren: empfangen von motorradfahrenden Mitarbeitern der Firma Blaser, die mit uns die letzten Kilometer zum Werk sausten, warteten auf uns die Ballone der  Blaser Ballongruppe. So wie Blaser vermutlich nie damit gerechnet hätte, deutsche Bundestagsabgeordnete mit dem Motorrad zu begrüßen, waren wir höchst erstaunt, den Hersteller von Ölen Ballon fahren zu sehen.

Am Abend wunderte sich keiner über selig verzückt entrückte Blicke über dem Bierglas – waren die Gespräche doch die gleichen:“ ihr auch am...?“ „Ja, und dann der, ach...“ <schwärmerisches seufzen> Und ehrlich: wo ließe es sich besser seufzen, als zu Füßen des Mont Blanc, der uns zu Ehren seine majestätische Erscheinung von Wolken befreite und sich den staunenden Augen unserer Schar darbot.

Manch einer glaubte, besser könne es nicht werden und wurde prompt eines besseren belehrt: Les Saisies, Cormet de Roselend, Val d'Isère, Col de I'Isèran, Col du Télégraphe und Col du Galibier bis nach Alpe d'Huez, das Herz meiner englischen Landlady schlug Überstunden und der Kurvenjunkie in mir war nahe dem Overkill <yes, please, do it again baby>>

Schön, man hätte die Pässe Cormet de Roselend und Col du Galibier auch bei Sonne, statt im Nebel fahren können, aber hey, wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Euros nicht wert oder so. Soll heißen: der Anteil von Sonne an diesem Tag darf und kann gar nicht hoch genug gewertet werden: wann immer Wolken und Nebel den Blick freigaben, wollte man angesichts der anbetungswürdigen Streckenführung nur noch ein Halleluja nach dem anderen Trällern! Ok, ok: Ich gebe zu – genau das habe ich auch getan, unterm Helm hört es ja – zum Glück meiner Mitfahrer – keiner <grins>.

Der Tag fand seinen Abschluss in einer sonnigen Auffahrt nach, unter Radfahrern wohlbekannten, Alpe d'Huez. Ganz ehrlich: was einen Menschen (von denen der Bürgermeister berichtete) dazu treiben kann, diese Strecke mit dem Rad freiwillig und mehrmals rauf und runter zu fahren, entzieht sich nicht nur meiner Kenntnis, sondern auch meinem Vorstellungsvermögen. Gerade deswegen: Allerhöchsten Respekt vor den Teilnehmern des Wohltätigkeitsradrennens, bei dem diese genau das tun und für jeden gefahrenen Kilometer Geld für einen guten Zweck gespendet wird! 

Der nächste Morgen nährte die Sucht nach weiteren Kurven und ließ Europa wieder aufs Neue plastisch unseren Tag bestimmen. Der kurven- (JA!) reichen (JAJA!!) Route nach Genf folgend, lustwandelten wir bald diesseits, bald jenseits der französischschweizerischen Grenze – unbehelligt von Kontrollen, Grenzzäunen und Wachtürmen. Diejenigen unter uns, die in Berlin lebten, bevor 1989 alles anders wurde, erfahren dieses Wunder freizügigen Reisens immer wieder mit Ehrfurcht und jedes Mal von neuem mit Staunen.

Widerwillig, aber enthusiastisch, ließen wir die Pässe Glandon und Madeleine hinter uns, um wenig entspannt, aber entschieden durch den Genfer Feierabendverkehr in Richtung Vereinte Nationen (UN) zu stauen. Der dortige Empfang war nicht nur einer der Höhepunkte dieser Tour, sondern vermittelte uns einen tiefen Einblick in die Arbeit der Organisationen der UN.

Netterweise nahm sich der Sonderberater des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden, Willi Lemke – dem einen oder anderem aus dem deutschen Fußball wohlbekannt – Zeit und stellte in weniger als 20 Minuten, mit atemberaubender Sprechgeschwindigkeit die Ziele und Ergebnisse seiner 2008 begonnenen Arbeit vor. Respekt! Sowohl vor der Geschwindigkeit des Vortrages – die höchstens in Gisela Schlüter ein würdiges Gegenüber gefunden hätte - als auch vor den Zielen und dem Engagement, mit dem Herr Lemke tätig ist – weiter so! Die anschließende Führung vermittelte uns, als staunende Besucher, über alle Maßen anschaulich, wie Kunst, Architektur und Gartengestaltung die Idee der Vereinten Nationen darstellen kann – vielen, vielen Dank dafür.

Schon war der letzte Tag dieser ganz großartigen Tour angebrochen, der uns von Genf über den Col de la Foucille, den Lac de Joux und die Gorges du Doubs bis nach Lörrach bringen sollte. Aber halt: ein megacooles Event hatten das Orga-Team für uns noch in petto: der Besuch bei VonRoll, die neben den wunderschönen gußeisernen Laternen des ChampsÈlysées auch Elektroroller der neuesten Generation herstellen. Bei Grillbuffet und Getränken konnte jeder Probefahren und über den Tausch der eigenen Maschine hin zum Elektrogefährt nachdenken. Meine englische Landlady lehnte allein die Vorstellung als abwegig entschieden ab, räumte aber ein, da wo sie ohnehin nicht gesehen werden will (in der Stadt), würde sie dem Einsatz dieser Geräte nicht im Wege stehen. >>  Man darf gespannt sein, ob wir künftig statt einer Vespa einen VR-One oder einen VR-Cross im Straßenbild sehen werden.

Lörrach 23.20 Uhr: der Sonderzug verlässt den Bahnhof, bepackt mit 164 Motorrädern und  184 erschöpften, aber überaus glücklichen Menschen, die dem Orga-Team und allen großen und kleinen Helferlein der Tour mit Glück- und Dankeswünschen für die herrlichen Tage auf die Pelle rücken. Uns alle beschäftigt natürlich nur die eine Frage: Wo fahren wir nächstes Jahr hin?

Andrea Pissarczyk (glücklich in Gruppe 11)

* Triumph Street Triple R in zurückhaltenden Anthrazit, fast gar nicht umgebaut und ungefähr genauso unauffällig wie ihre Eignerin

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