2000 Berlin - Prag - Bratislava - Wien "Corps Diplomatique"

Auch Politiker haben Hobbys, zum Beispiel Motorrad fahren. Bei der ersten internationalen Freundschaftsfahrt tourten sie von Berlin nach Wien.
Organisiert hat den Ausflug die Motorradsportgruppe der Sportgemeinschaft Deutscher Bundestag.

Start

Vor gut 10 Jahren traf mich fast der Schlag. Bei einer Podiumsdiskussion verkündete SPD-Starpolitiker Oskar Lafontaine selbstherrlich:
"... wenn wir an die Macht kommen, drehen wir euch Motorradsportlern den Hahn zu. Der Nürburgring wird dichtgemacht und das ist erst der Anfang... ".

Damals traute ich meinen Ohren kaum und dachte nur noch, das kann ja lustig werden. Inzwischen sind SPD und Grüne an der Macht, von Oskar Lafontaine spricht (fast) kein Mensch mehr und zum Glück ist alles ganz anders gekommen. Inmitten einer Gruppe von Motorradfahrern stehe ich vor dem slowakischen Parlament in Bratislava. Direkt neben mir, ganz offensichtlich mit sich und der Welt vollauf zufrieden, lehnt ein Biker relaxt an seiner Ducati Monster.

Naumann
Dr. Michael Naumann

Der Ducati Fahrer neben mir ist Kulturstaatsminister Dr. Michael Naumann. Er ist bekennender Biker und mit einem Motorradverbot á la Lafontaine braucht ihm erst gar keiner zu kommen. Bei den anderen 150 Teilnehmern der Freundschaftsfahrt der Sportgemeinschaft Deutscher Bundestag dürften die Meinungen genauso sein. Mann oder Frau fährt Motorrad aus Spaß an der Freude oder um einfach vom tagtäglichen Politstress Abstand zu gewinnen. An dieser Stelle braucht wohl niemandem mehr erklärt zu werden, dass bei solchen Ausflügen alle Sinne auf die einzigartige Fortbewegung, die nur das Motorrad vermitteln kann, gerichtet sein müssen. Wer pennt, döst oder die Gedanken ganz woanders hat, kann als Kradler gefährlich leben.

Das ist das Eine, zum sicheren Motorradfahren gehört aber auch ordentliche Kleidung. Ein Blick in die Runde zeigt, viele tragen schwarze Ledersachen. Dieser Modetrend stammt noch aus den siebziger Jahren, manche Lederkombis verraten an ihrem Schnitt, aber auch an den Schrammen, dass sie schon viele Motorradkilometer erlebt haben. Die vielfach vertretene Meinung, Politiker setzen sich nur für einen Werbegag in den Sattel einer schweren Maschine, um später auf den veröffentlichten Bildern als jung und dynamisch dazustehen, denken wir nur an Franz Josef Strauß, muss entschieden widersprochen werden. In diesem Kreis habe ich es jedenfalls ganz anders erlebt. Wäre da nicht der Titel oder das Mandat, sie wären Motorradfahrer wie du und ich und keiner würde sich für ihr Hobby interessieren. Bei einem Minister, dem Bundestagsvizepräsidenten, einer Parlamentarischen Staatssekretärin, hochrangigen Bundestagsbeamten, engagierten Bundestagsabgeordneten und Bundestagsmitarbeitern ist das allerdings etwas ganz Anderes, die Öffentlichkeit schaut zu.

Gruppe ) Bär

Und das ist auch so gewollt. Das Motorrad ist schliesslich ein hervorragender "Kommunikationsfaktor", mit nichts anderem lassen sich so schnell Kontakte knüpfen. Aus diesem Grund steht die von Partei- und Franktionszwang losgelöste Ausfahrt auch unter dem Motto "Freundschaftsfahrt"

Aberle, Zeh Soms

Vor zwei Tagen waren wir Freitagmorgen am Reichstag in Berlin gestartet. Nach zahlreichen obligatorischen Reden wünschte Friedhelm Julius Beucher, MdB und Vorsitzender der Sportgemeinschaft Deutscher Bundestag e. V. allen Teilnehmern eine gute und unfallfreie Fahrt und ab gings in elf Gruppen Richtung Dresden, zum ersten offiziellen Stopp sowie zur Mittagspause. Das nächste Ziel war Prag. Ursprünglich war für den Abend eine offizielle Begrüßung im tschechischen Parlament geplant. Doch dann hieß es plötzlich, es könnten nur ein Dutzend echte Polit-Promis empfangen werden. Für den Politiker Beucher jedoch vollkommen inakzeptabel: "entweder alle oder keiner, Basta"! Ersatz war schnell gefunden. Der Prager Motorradclub "Cesca Motocyklova Federace" organisierte einen bunten Abend in einem rustikalen Brauhaus mitten in der Altstadt, Motorradfreunde helfen sich eben untereinander!

On Tour

Die Streckenführung von Prag nach Bratislava konnte kaum besser ausfallen. Auf verwinkelten Nebenstraßen, immer wieder durch verträumte kleine Ortschaften, vorbei an saftigen Wiesen und knallgelben Rapsfeldern gings durch Süd-Böhmen. An dieser Stelle ein dickes Kompliment an das Team der Sportgemeinschaft Deutscher Bundestag e.V.

 

Kein Vergleich zu Prag war der Empfang am Grenzübergang zur Slowakischen Republik: Vizepremierminister Pavol Hamzik erwartete uns auf einer BMW K 1200 RS! Nach einer kurzen Begrüßungsrede setzten wir dann unsere Weiterfahrt, eskortiert von einer Polizei-Staffel, im geschlossen Konvoi nach Bratislava fort. Nur bei der Tour de France stehen mehr Schaulustige am Straßenrand und jubeln. Das lief runter wie Öl.

Gila Zeh

Den dicksten Brocken unserer Freundschaftsfahrt haben wir in Bratislava geschafft. Inzwischen liegen nach zweitägiger Fahrt gut 650 Kilometer hinter uns. Trotz der großen Gruppe ist bisher alles glatt gelaufen. Keine Panne, kein Sturz. Das Wetter ist bombastisch, entsprechend gut die Stimmung. Unterstützt wird dieses Feeling von den freundlichen Menschen in der Slowakei, auf dem Vorplatz des Parlaments in Bratislava ist die Hölle los. Schaulustige, Kamerateams und Fotografen drängeln sich um die Polit-Biker, so etwas hat es hier noch noch nicht gegeben.

Bratislava

Zum Protokoll gehört das Erinnerungsfoto mit allen Teilnehmern vor dem Parlament. Als ein vorlauter Fotograf ein extra Bild wünscht, reagieren Gila Altmann und Andreas H. E. Kimmel spontan. Die Grüne Spitzenpolitikerin klettert auf die Schultern von Tour-Organisator Kimmel und begießt ihn mit eiskaltem Mineralwasser. Es wird das meist veröffentlichte Bild der ganzen Tour, keine andere Aufnahme gibt die Stimmung so lebendig wieder.

Gila Zeh

Genau wie Dr. Michael Naumann bewegt auch Ministerialdirektor Prof. Dr. Wolfgang Zeh, einer der dienstranghöchsten Beamten des Deutschen Bundestages, eine Leih-Ducati Monster. Wir kennen uns bereits von der letzten Freundschaftsfahrt und ich weiß, dass er leidenschaftlicher Moto Guzzi Mille GT Fahrer ist. Für die Tour hat er sich die Monster ausgeborgt, die wollte er schon immer mal ausprobieren, verrät er. Das Handling sei phantastisch und im Vergleich zu seiner Guzzi würde alles spielerisch leicht funktionieren, lautete das Testurteil. Ein Motorrad müsse schliesslich Charakter besitzen und den haben eben nur Zweizylinder-Maschinen, und darum würde ihn auch mal eine Buell reizen, aber seine eigentliche Traummaschine sei eine Norton Commando, erfahre ich. Zum Thema Freiheit und Abenteuer auf dem Motorrad gibt sich Professor Zeh pragmatisch. Freiheit bedeute für ihn Flucht aus dem Alltag und Abenteuer ist heute nicht mehr wirklich das Abenteuer, sondern die Erinnerung daran.

Allen, die Bratislava nicht kennen, sei die Altstadt wärmstens empfohlen. Nach einem exzellenten Abendessen haben viele überhaupt noch keine Lust aufs Bett. Die hochsommerlichen Temperaturen wollen sich nicht abkühlen und was gibt es Schöneres als neu geschlossene Freundschaften in einem Biergarten weiter zu pflegen. Mit in der Runde SPD-Frau Ulrike Mehl, MdB und Gila Altmann, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium.
Ulrike Mehl ist BMW-Fan, ihre ersten Erfahrungen hat sie vor vielen Jahren mit der "Familien eigenen" R 26 gesammelt. Bei der Tour ist die couragierte Sozialdemokratin auf einer BMW R 1200 C und ihr Bruder Hubertus auf einer BMW K 1200 LT unterwegs. Um auch den Reisedampfer mal auszuprobieren, hatten die beiden ihre Bikes unterwegs getauscht. Mit großen Maschinen habe sie keine Probleme, das Einzige was ihr beim Motorradfahren aber Angst machen kann, sei Rollsplitt in Kurven, gibt sie zu.

altmann gila

Grüne Politik und Motorradfahren passt eigentlich nicht zusammen, so sollte man es jedenfalls von Gila Altmann annehmen. Der Verdacht, dass der Spaß vor der Überzeugung steht, liegt nahe. Das muss allerdings nicht sein, so ihre Überzeugung. Die engagierte Politikerin hat sich in ihre Yamaha XVS 650 Drag Star nämlich einen geregelten Abgaskatalysator einbauen lassen und so hofft sie, dass Yamaha den auch bald allen Drag Star Fahrern anbieten wird. "Wenn schon Motorrad fahren, dann mit gutem Beispiel voraus", gibt sich die Parlamentarische Staatssekretärin selbstbewußt.

Übertroffen wird das Begrüssungs-Tam-Tam von Bratislava am dritten Tag in Österreich. Auf Schloss Esterházy empfängt uns Landeshauptmann Karl Stix und wenig später im österreichischen Parlament in Wien der Präsident des Nationalrats Dr. Heinz Fischer. Wir sind am Ziel, zwar etwas erschöpft, dafür aber um so glücklicher und zufriedener. Noch nie in meiner Motorradzeit habe ich ein so tiefgehendes Gruppenerlebnis empfunden; allen, die ich darauf anspreche, geht es genauso. Und irgendwie haben wir alle das gute Gefühl im Bauch, etwas Aussergewöhnliches erlebt zu haben. Etwas Vergleichbares gab es schliesslich noch nie und so lobt der Vizepräsident des Deutschen Bundestages Dr. Hermann Otto Solms seine Motorradfreunde in der Abschiedsrede für die erbrachte sportliche Leistung, den kameradschaftlichen Zusammenhalt und wünscht allen ein Wiedersehen bei der nächsten Freundschaftsfahrt!

solms
Landeshauptmann Karl Stix,
Bundestagsvizepräsident Hermann Otto Solms, und
Friedhelm-Julius Beucher, MdB

Winni Scheibe